Zeitungen: Was sich ändern muss

Die Affäre um den früheren Spiegel-Reporter Claas Relotius kommt in der aktuellen Auflage des Buches zwar (noch) nicht vor, da dieses schon vorher publiziert wurde. Wie die beiden Autoren aber anhand zahlreicher und gut dokumentierter Beispiele aufzeigen, liegen die Fehler und Defizite viel tiefer und beruhen nicht selten auf mangelhafter Kenntnis und Anwendung des journalistischen Handwerks: Zum Beispiel, wenn Medien Meinungen als Tatsachen verkaufen, aus Eitelkeit Kampagnen schmieden oder sich nicht an rechtsstaatliche Prinzipien halten.

Glaubwürdigkeit: Wie sie wieder erreicht werden kann (Foto: Verlag).

Die beiden Autoren legen den Finger in die Wunde und unterbreiten konkrete Vorschläge, was Medien liefern sollten, um wieder glaubwürdig zu sein. Auch auf das Thema der „erwünschten Narrative“ wird im Detail eingegangen. Und hier führt der Bogen wieder zur Relotius-Affäre:

Emotional manipulieren

„Die bisherige Relotius-Berichterstattung, die sich als kritisch betrachtet sehen will, berührt das Kernproblem der erwünschten Narrative nicht. Die meisten Kollegen behaupten bisher, das Bilderschaffen an sich sei das Problem. Sie verweigern sich der Erkenntnis, dass es um das Streben nach bestimmten Bildern geht. Nach Bildern, die den Leser emotional manipulieren und agitatorisch in eine bestimmte Richtung lotsen sollen.

Die allermeisten, die sich derzeit um Aufarbeitung bemühen, glauben noch immer, es ginge um die Kapazitäten der „Spiegel“-Dokumentation und um die Frage, wie man das persönliche Erleben eines Reporters überprüft. Sie hinterfragen das Genre Reportage. Und erkennen nicht, dass all das gar nicht der Punkt ist.

Immer noch Schlagseite

Trotz der überdeutlichen Hinweise, dass sämtliche Relotius-Texte durchgehend die gleiche Schlagseite hatten, sind sie noch immer gefangen in ihrem Weltbild, das die Narrative gebiert. Sie versuchen, das Problem aus ihrer Weltsicht heraus zu lösen, was aber nicht gelingen wird, weil die Weltsicht Teil des Problems ist.“ (Thilo Baum)

Nachzulesen in „Sind die Medien noch zu retten? – Das Handwerk der öffentlichen Kommunikation“, Thilo Baum & Frank Eckert, 17,90 Euro, Midas Verlag in Zürich.

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